Die Brücke nach Syrien

Der ganze Abend ein einziges „Wie bitte?“! Es jagte eine Kuriosität die nächste: Der Saal im Budenheimer Bürgerhaus mit über hundert Leuten selbst plusbestuhlt randvoll. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Frank Pasemann referiert im Typus Anti-Politiker: Freier Vortrag, klare Sprache, Beobachtung statt Polemik, Sachwucht statt Pathos. Junge Linke in der hintersten Reihe folgen dem Vortrag geduldig – oder gespannt? Und dann erst das Faktentableau, unterstrichen mit starken Fotos auf der Leinwand. Eine Moschee in unmittelbarer Nachbarschaft einer Kirche? Eine Konferenz der dreizehn Kirchenführer Syriens? Ein friedliches, sogar vorbildliches Zusammenleben von Christen und Muslimen in Damaskus und Aleppo? Der Zuhörer bekommt Matrix-Fantasien.

Der ganz alltägliche Religionsfrieden

Pasemanns Reisebericht wirkt wie ein Paralleluniversum. Was die Syrien-Reisegruppe der AfD-Bundestagsfraktion in den befriedeten Städten des Levante-Staates erlebt hat, steht im Widerspruch zu allem, was wir aus dem virtuellen Äther kennen: Sichtbar rasche Aufbauarbeit in Aleppo, einer Stadt mehr als doppelt so einwohnerstark wie Frankfurt. Militärisch salutierende Kleinmädchen, deren leuchtend blaue Uniformen nicht nur den Sachsen-Anhaltiner Pasemann an die Pioniere der DDR erinnern. Ein anrührendes Marienbildnis mit griechischer und arabischer Aufschrift. Eine Ikone des ganz alltäglichen syrischen Religionsfriedens.

Sicher, dem stehen vertraute Bilder puren Chaos gegenüber: Schwer als solche zu erkennende Autowracks, Stahlbeton-Ruinen, haufenweise Geröll in Homs. Das ganze komplettiert mit dem Hinweis auf Sprengfallen, die die Rebellen nach Auskunft der Reiseführer vor ihrem Rückzug platziert haben. Natürlich! Das brutale Kriegsgebiet Syrien gibt es noch, so kann man dem Vortrag des Abgeordneten entnehmen. Aber es ist kleiner geworden.

Der Ökonom schildert mehr als er beschwört: Man kommt zu dem angenehmen Schluss, ihm sei die Basis unumstößlicher Beobachtung wichtiger als politische Agitation, auch wenn er selbstverständlich seine Interpretation und sein Urteil den anwesenden Bürgern nahelegt, wie es auch zu erwarten war. Dass ein Mann der Kirche sich die Rückkehr seiner Landsleute aus Europa wünsche, im vordergründigen Wissen, sie damit in tödliche Gefahr zu führen, das könne er sich nicht vorstellen, versichert Pasemann, als er über den Wunsch der orthodoxen christlichen Kirche referierte, die syrischen Europa-Auswanderer mögen zurückkehren.

Syrien – ein einziges Kriegsgebiet?

Angesichts der Foto-Präsentation, die aufgeschlossene syrische Politiker im Gespräch mit der blauen Delegation zeigen, fällt es schwer, an das Bild des rücksichtslosen Diktators Baschar Al-Assad zu glauben. Ganz sicher jedoch ist Syrien kein einziges Kriegsgebiet und folglich wäre es Aufgabe unserer Regierung, „bei einer Generalamnestie“, wie Pasemann ausdrücklich hervorhebt, Deutschlands Syrien-Einwanderer zurückzuführen. Aber der AfD-Politiker bringt nicht nur neues, sondern lässt auch über das Alte neu denken: „Die einzige ausländische Macht, die sich völkerrechtskonform in Syrien aufhält, ist Russland!“ Auch ein Gedanke, der in der allgemeinen Russlandfurcht in unserer gegenwärtigen Debatte schlicht keine Rolle spielt!

„Wir wollen die Stille zu Syrien überwinden“, so der Abgeordnete über mögliche zukünftige Missionen nach Syrien. Ein Ziel, dessen Sinn auch die kritischen Besucher der Veranstaltung nicht leugnen können. Bei der Fragerunde bestritten die jungen linksalternativ anmutenden keine der Beobachtungen, stellten Pasemanns Ausführungen nicht in Frage und verzichteten auch auf eine pauschale Abwertung der Reise. Stattdessen stellten sie ihre übliche Frage, die von Unkenntnis der fehlerhaften menschlichen Natur zeugte: „Wenn sie von dem friedlichen Miteinander der Religionen sprechen, warum soll das hier denn nicht auch möglich sein?“ Pasemanns ehrliche Antwort: „Das weiß ich auch nicht.“

Cornelius Persdorf

Bilder von der Veranstaltung

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